Verse und Gedichte

Abschied, immer wieder…

Farbe der Nacht.
Abschied.
Der große Strom zieht zum Meer.
Mit meinen Tränen…

Wer weit reiste
weiß oft nicht, warum er kam,
wohin er geht,
woher er kommt.
Fremd sind wir allemal
und überall.

Erinnerungen als Kopfkissen,
Sehnsucht als Bettdecke.
Alle Sterne heruntergefallen.

Der Sturm treibt
meinen verwirrten Geist vor sich her
und rüttelt heftig an deiner Tür.

Allein, im Verborgenen
begreife ich nicht
die Sinnlosigkeit meiner Tränen.


Den Vogel,
der ins Dunkle flog,
begleite ich.
Ich war.

Knud Eike Buchmann

Du bist der Seele Schiff

Sie sagt,
sie sei Malerin.
Er spricht von sich
als Dichter.
Wer sagt, er sei weise,
ist es nicht.

Wirf deine Tage nicht fort.
Genieße das weiche Gras
unter deinen Füßen
und die Erinnerung
an die Geliebte.

Du bist der Seele Schiff
und wir bewundern das Meer
auf dem wir wandern.

Wohin wirst du gehen
– Seele –
wenn du mich verlassen wirst?
Wohin?
Und wer wird dich finden?

Was ist der Sinn,
wenn die Zeit vergangen ist?
Was ist die Zeit,
wenn der Sinn verloren ist?

Mein Körper, dein Körper
– ein Wir -
für die Dauer
eines währenden Kusses.
Ich tauche
ins Du
und Du in mein Ich.

Wir verzweifeln,
wenn wir Menschen um uns
als Fels erleben.
Wir zerschellen.
Jeder sei uns ein Amanoga*
in der Allee
der Lebendigkeit.

Wenn du nicht da bist
sucht meine Seele
ihr Echo in der Finsternis.
Es gibt keine Wahrheit
- nur Träume.

*Ein schlanker, zierlicher Baum, himmelwärts strebend, rosa blühend
Knud Eike Buchmann (April 2014)

Alles kann Poesie werden

Der Liebe zum Schicksal- amor fati- vertrauen
nicht als fatalistische Unterwerfung
sondern als Konsequenz
aus dem Zweifel am Gutsein des Menschen.
Aus dem Schmerz wächst Kreativität und Hoffnung.

Schmerz ist Gegenwart.
Wir sind in ihm gefangen,
hoffen auf die Verwandlung
und wissen um das Ende.

Das Meer des Lebens
ist nicht tief genug,
um all unsere Versäumnisse
in sich aufzunehmen.
Wir lieben nur die Oberfläche.

Die Wirklichkeit
ist aus der Nacht gewachsen.
Das Glück liegt in der Sonne.
Und der Regen der Trauer
ist die Reinigung des Ichs.

Sind wir uns wechselseitig wie Nebel?
Nähe durch den Verlust der Ferne.
Dann sind wir tot.
Nähe wäre fern
und wirklich.

Wir wissen – glauben wir –
wir fühlen – wissen wir –
wir glauben – fühlen wir –
Und wir können alles lassen.
Nur so sind wir.

Im Gefühl
das Leben verloren zu haben
rufe ich suchend
ins Dickicht der Verzweiflung
nach deinen Augen.

An den Tagen
sehe ich die Blumen.
Nachts jagen mich die Geister
der Vergangenheit.

Im Alter
weht der Gedanke an den Tod
wie ein sanfter Wind
zwischen jungen Bäumen.

Am Meer
versinken die Stunden
des Lichts.
hoffnungfressende Einsamkeit.

Die Nacht kommt langsam
und die Berge steigen hinab.
Es entstehen Fragen
nach der Schönheit.
Der Ort wird kleiner.

In den Nebel gehen
gibt mir eine Vorstellung
von der Seele.
Ganz anders als der Staub des Verstandes.

Nebel zieht vorbei
wenn du warten kannst.
Keine Sorge,
Träume sind jetzt durchsichtig.

Durch den Vorhang gehen,
die andere Seite kennen.
Blumen
wachsen auch in der Nacht.

Wo die Sehnsucht welkt,
schläft der Wille
zum Leben.
Schwarze Glocken läuten
im Frühling.

Alterserfahrener,
viel geprüfter Körper,
sendet pausenlos
kleine schmerzliche Signale
des Genug.
Noch regiert der Geist.

Setz dich, Leib,
setz dich.
Lass dir erzählen
was du tun,
was du lassen sollst.
Hör mir bitte zu.

In unserem Körper
lebt die lebendige Seele –
unsere Glieder bewegen sie.
Dinge ereignen sich durch sie –
wir folgen ihr.

Zuweilen sprechen wir von ihr,
aber wir glauben nicht daran.
Es ist obskur,
das Nichts
in der knappen Fülle der Zeit
zu denken.

Ich trage meine Seele
ans wilde Meer
und gehe mit ihr
schwimmen.

Es wäre Hochmut
zu sagen,
man wisse,
was Kunst oder Poesie
sei.

Knud Eike Buchmann

Das Leben erfindet sich neu

als wäre ich noch der junge Mann
am Eingang des Tunnels,
der – nun grau – am Ausgang wartet,
im Schattenkegel
die Jahre zählt
und des Himmels und der Hölle Spiel
verteidigt als wäre es wirklich mein Leben.

Die Hände sind leer,
die offene Faust weist nach Westen
während die Geschichten
im Topf des Aufwärmens brodeln
und so tun, als wäre die Zeit ein Raum,
in dem man sich einrichten könnte.

Meine Gedanken durchlöchern die Zeit
und der Wind des Vergessens
hat die Silbertrauben von damals
längst von den Wänden gerissen,
sie auf die Strassen geworfen,
dem Verderb überlassend.

Unter den Straßenlaternen des Erinnerns
wächst manch ein Lächeln in die Nacht
im Widerhall der versteinerten Gärten
unserer, meiner Generation,
die so sehr litt und so sehr begünstigt ward,
dass sie –wieder und wieder- das Elend der Welt suchte,
um es zu begreifen…

Der Blick nach vorn
ist wie die Vernunft, die an einem Faden hängt
und alles in der Schwebe hält.
Es mag gut gehen… es mag…
Als Früchte wähle ich die flammenden Wörter-
sie sind meine Hängebrücke zwischen
Hoffnung und der Wirklichkeit.

Wie Gassenspatzen
wirbeln die Windgedanken
an den Prallwänden der Eitelkeiten,
ohne wirklich Samen zu werden;
sie werden sich an den Wolkenklippen brechen,
im Rinnsal des Stroms zum Meer
sich verwandeln…

Meine Worte waren meine Taten,
in deren Schatten ich stehe.
Im Spiegel der Wörter
betrachte ich meine Augen
und gedenke der Freunde,
die mit mir in den Tunnel liefen
und sehe mich milde lächeln
als wäre ich ein Feigenbaum in seiner letzten Weisheit.

Es kommt Ruhe in die Geschichte der Gegenwart
und Tiefe und Wärme und Hoffnung
vor der großen Kälte,
die mich sanft auffressen könnte
wenn ich nicht recht-zeitig
von mir fort ginge
in der Stunde der Glaskugel.

Knud Eike Buchmann
am Strand von Heringsdorf 29 Mai, 2004

Jeder Zeit..

Lasst uns voneinander lernen
wie wir geworden sind
und wie wir uns zu sein wünschen.

Bitte lasst uns schweigen
-tiefinnen-
über das Anders-Sein der Anderen.

Lasst uns lächeln
über die Schrullen jener
die nicht so tun und denken wie wir.

Lasst uns hinnehmen
den Schatten in gleißender Sonne
und das Licht im Dunkeln.

Lasst uns geduldig werden
mit den Langsamen
und hören wir den Leisen zu.

Lasst uns Pausen machen
im täglichen Wettlauf
denn Sieg und Niederlage sind ohne Bedeutung.

Lasst uns wie Freunde leben.
Keiner ist des Anderen Verfolger.
Das Ich freut sich im Du zum Wir.

Lasst uns dankbar sein
für das, was war und ist
und Abschied nehmen. Jeder Zeit.

Knud Eike Buchmann
(2013)